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Für Eltern

Was kann ich für mein Kind tun?

„Ich liebe mein Kind und möchte, dass es ein gutes Leben hat! Ich habe Schuldgefühle, weil ich meinem Kind keine gute Mutter / kein guter Vater bin." Es gibt keine „normalen" Eltern und auch keine perfekten Eltern! Alle Eltern erleben in der Erziehung ihrer Kinder Schwierigkeiten. Sich überfordert zu fühlen und mit einer Erziehungssituation nicht mehr zurecht zu kommen, passiert allen Eltern. Sich zu trauen, Hilfe zu holen, ist ein mutiger Schritt. Alle Eltern – ob suchtkrank oder nicht – sollten diesen Schritt für ihre Kinder und Beziehung tun, um für Probleme im Familienleben frühzeitig Lösungen zu suchen. Sicherlich gibt es durch die Suchtproblematik Probleme, die andere Familien nicht haben.

Im Bereich „Wo Hilfe finden?“ finden Sie Hilfsangebote und Ansprechpartner.

  • Erklären Sie Ihrem Kind, dass es nicht sein Fehler ist, dass Sie ein Problem mit Alkohol oder anderen Drogen haben. Sie haben eine Krankheit.
  • Organisieren Sie den Alltag so vorhersehbar wie möglich: Kinder brauchen Strukturen und einen Rahmen, um sich sicher zu fühlen.
  • Wenn es in der Familie zu Gewalt oder starkem Konsum kommt, sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind in Sicherheit ist und dass es weiß, wo es Hilfe holen kann. Ab 4 oder 5 Jahren können Sie ihm eine Liste mit Telefonnummern geben, die es anrufen kann.
  • Organisieren Sie sich eine erwachsene Vertrauensperson, die über die Situation Bescheid weiß, und die das Kind abholen kann, wenn eine gefährdende Situation besteht.
  • Vermeiden Sie es möglichst, dass Ihr Kind Sie berauscht erlebt.

Die Auswirkungen eines elterlichen Konsumproblems auf das Kind sind unterschiedlich, aber ziemlich zahlreich. Im Bereich für Jugendliche auf dieser Webseite befinden sich Beschreibungen typischer Auswirkungen von Sucht auf das Familienleben und werden Fragen, die Jugendlicher häufig haben, beantwortet. Auch wird hier beschreibt, wie sich ein Kind im Allgemeinen fühlt, wenn ein oder beide Elternteile ein Problem mit Alkohol oder anderen Drogen haben.

„Jedes Mal, wenn ich betrunken nach Hause kam, setzte ich meine Sonnenbrille auf, um meinen Rausch zu verstecken. Mein 3-jähriger Sohn kam immer, um sie mir auszuziehen. Ich konnte das Leid in seinem Blick sehen, wenn er sah, dass ich schon wieder getrunken hatte."

Kinder fühlen sich wohl, wenn ihr Tag gut organisiert ist. Wenn dies bei Ihnen nicht der Fall ist, überlegen Sie sich ein oder zwei Dinge, die sie tun können, um den Alltag Ihres Kindes klarer zu strukturieren. Nehmen Sie sich ein Ziel vor, zum Beispiel eine Mahlzeit zu einer bestimmten Uhrzeit einzunehmen oder nach dem Abendessen immer eine Geschichte zu erzählen. Ziehen Sie nach einer Woche Bilanz: Wie hat das geklappt? Wenn Sie merken, dass Sie es nicht schaffen, dieses Ziel zu erreichen, kann das ein Zeichen sein, dass Sie sich Unterstützung holen sollten.

Oft wagt das Kind nicht, das Haus zu verlassen, weil es sich um Sie sorgt oder weil es denkt, Ihren Konsum kontrollieren zu müssen. Weiß Ihr Kind, dass es nicht für Sie verantwortlich ist? Dass es nicht seine Rolle ist, auf Sie aufzupassen und dass es das Recht hat, Zeit für sich alleine zu haben?
Es ist für Kinder sehr wichtig, Beziehungen zu Menschen außerhalb seiner Familie zu haben. Dies können Großeltern sein, Cousinen oder Cousins, Nachbarn oder Schulfreundinnen und -freunde. Diese Beziehungen ermöglichen ihnen, andere Lebensformen kennenzulernen und stabile Beziehungen aufzubauen.

Freundschaften sind wichtig für das Wohlbefinden von Kindern ab 5 Jahren. Die Freunde und Freundinnen sind Spielkamerad*innen, mit denen es Spaß haben kann, aber auch Regeln des Zusammenlebens lernt. Wenn Ihr Kind sehr alleine ist, kann dies damit zusammenhängen, dass es sich für Sie verantwortlich fühlt oder sich nicht traut, Freund*innen zu sich nach Hause einzuladen. Versuchen Sie, mit ihm darüber zu sprechen. Vielleicht fürchtet es, dass man Sie berauscht sehen könnte? Wenn dies der Fall ist, sollten Sie über Ihren Konsum nachdenken und überlegen, wie Sie vermeiden können, dass es so weit kommt. In jedem Fall sollten Sie Ihr Kind ermutigen, Freunde zu treffen, auch wenn dies nur außerhalb der eigenen Wohnung möglich ist.

Was würden Sie für Ihr Kind tun, wenn Sie Krebs hätten? Sie würden ihm erklären, dass sich Ärztinnen und Ärzte um Sie kümmern. Und Sie würden Menschen suchen, die Ihnen helfen, wenn es Ihnen schlecht gehen würde oder wenn Sie im Krankenhaus sein müssten. Die Situation, in der Sie sind, ist im Prinzip fast gleich. Egal, um welche Krankheit es geht, ein Kind muss wissen, dass sich jemand um Sie kümmert und dass die Situation unter Kontrolle ist. Das wird ihm helfen, zu verstehen, dass es nicht an ihm liegt, etwas zu tun. Sich Unterstützung zu holen, ist ein mutiger und verantwortungsvoller Schritt, der zeigt, dass man die eigenen Grenzen anerkennt.

„Als ich am Monatsanfang wieder Geld hatte und meine Tochter am Kiosk aufforderte, sie dürfe sich ein Heft aussuchen, sagte sie zu mir: Nein Mami, sonst haben wir wieder kein Geld mehr. Ich möchte nichts! Ich schämte mich sehr und wurde sehr traurig. In solch einem Moment wurde mir jedoch bewusst, dass etwas nicht mehr stimmte. Meine kleine Tochter sorgte sich in einer Art um uns, auf die sie das nicht sollte.“

Kinder belastet es sehr, wenn sie ihre Eltern und die Art, wie sie sich verhalten, nicht wieder erkennen. Es ist für Ihr Kind besser, wenn Sie in seiner Anwesenheit nicht konsumieren. Vielleicht schaffen Sie das nicht immer. Versuchen Sie es aber immer! Falls möglich, probieren Sie Ihre „Konsumzeit" einzuteilen, um so einige Momente in der Woche voll für Ihr Kind da zu sein. Sprechen Sie diese Zeiten mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin ab und definieren Sie Zeiträume, in welchen klar ist, wer für das Kind verantwortlich ist. Übernehmen Sie die Verantwortung zunächst nur so lange, wie Sie sich dies zutrauen und bauen Sie diese Zeiträume nach und nach aus.

In Familien, die von einem Alkohol- oder Drogenproblem betroffen sind, gibt es oft auch Gewalt. Ob sie nun körperlich ist oder psychisch, sie gefährdet die Entwicklung des Kindes. Wenn Gewalt in Ihrer Familie vorkommt, müssen Sie Unterstützung holen. Das Wichtigste ist, dass Sie Ihre Kinder schützen.

Es kommt vor, dass Kinder mit suchtkranken Eltern in Krisenzeiten viel Zeit für Dinge aufwenden müssen, die nicht ihrem Alter entsprechen. Sie waschen Wäsche, kümmern sich um die Geschwister oder bereiten Mahlzeiten zu. In einer gewissen Weise übernehmen diese Kinder dann die Rolle der Eltern. Wenn diese Aufgaben zu viel Platz in ihrem Leben einnehmen, verpassen sie einen Teil ihrer Kindheit. Hat Ihr Kind genügend Zeit, seine Hausaufgaben zu machen? In seinem Zimmer zu spielen? Man sagt, der Beruf des Kindes ist es, Spaß zu haben. Das Spielen ist für seine Entwicklung sehr wichtig. Spielend lernt es einen großen Teil der Dinge, die es im Leben brauchen wird. Auch wenn es nicht leicht ist: Sorgen Sie dafür, dass wieder ein Gleichgewicht entsteht. Um Ihr Kind zu entlasten, können Sie sich zum Beispiel an Nahestehende wenden oder sich Unterstützung bei Beratungsstellen holen.

Nehmen Sie sich ein paar Minuten, um aufzuschreiben, wann Sie mit Ihren Kindern Zeit verbringen. Studien zeigen, dass es besser ist, häufiger kurze Momente (das können auch nur 30 Sekunden bis 1,5 Minuten sein) bewusst mit Ihrem Kind zu verbringen als lange Zeiten zu reservieren. Vielleicht ist für Sie das Frühstück ein besonderer Moment oder ein Spiel am Abend vor dem Zubettgehen. Ein besonderer Moment kann auch die morgendliche gemeinsame Fahrt in die Krippe oder in die Schule sein. Solche Gewohnheiten geben dem Kind Sicherheit. Das gilt auch für Eltern, die ihre Kinder wenig sehen.

Kinder brauchen klare Regeln, die nicht von Ihrer Stimmung und der gerade herrschenden Situation abhängen. Wenn man Schuldgefühle hat und sich nach Vergebung sehnt, kann es gut sein, dass man einem Kind zu viele Freiheiten zugesteht. Zum Beispiel, dass man es länger aufbleiben lässt oder seinen Wünschen nachgibt. Das hilft ihm nicht. Im Gegenteil, Kinder brauchen Stabilität. Viele Eltern kennen solche Situationen – hier finden Sie Unterstützung, wenn Sie sich beraten lassen möchten. Oder schreiben Sie uns eine Email: info@suchtzuhause.de.

Es ist wichtig, dass Ihr Kind sich frei fühlt, mit jemandem über seine Situation zu sprechen, wenn es das möchte. Sagen Sie ihm ganz klar, dass es dieses Recht hat. So kann es sich jemandem anvertrauen, ohne Ihnen gegenüber ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Wenn Ihr Kind noch klein ist, können Sie mit ihm gemeinsam schauen, mit wem es sprechen könnte. Ihr Kind könnte sich Nahestehenden zuwenden: zum Beispiel den Großeltern, einer Person aus der Nachbarschaft, seinem Paten oder seiner Patin. Es kann sich auch an Fachkräfte wenden: z.B. eine Schulsozialarbeiterin oder Schulsozialarbeiter, einer Fachkraft für Suchtberatung oder einem Lehrer bzw. einer Lehrerin.

Egal wie Ihre Situation aussieht, Sie sind sehr wichtig für Ihr Kind – auch in seinen Augen! – und niemand wird Sie ersetzen können. Auch wenn Ihre Beziehung wegen Ihres Konsumproblems manchmal schwierig ist, bleibt sie für Ihr Kind fundamental. Sie sind für Ihr Kind verantwortlich. Das heißt, dass Sie für Ihr Kind da sind, oder sich unterstützen lassen, um für Ihr Kind da sein zu können.

Manchmal macht man ehrlich gemeinte Versprechungen, die aber wegen der Krankheit schwierig einzuhalten sind. Das Kind rechnet jedoch damit, dass Sie Wort halten. Wenn ein Versprechen nicht eingehalten wird, ist ein Kind oft sehr enttäuscht, traurig und wütend. Und Sie selbst wohl auch. Nach und nach verliert es so das Vertrauen in Sie und in andere Personen. Vielleicht wäre es besser, keine Versprechungen mehr zu machen. Überraschen Sie Ihr Kind stattdessen mit einem Ausflug oder einer gemeinsamen Unternehmung.

Es kommt vor, dass eine Situation so schwierig wird, dass sich Eltern nicht mehr imstande fühlen, für ihr Kind zu sorgen und es genügend zu schützen. Es kann notwendig werden, mit den zuständigen Behörden über eine Fremdunterbringung der Kinder zu sprechen, damit alle wieder ihren Weg finden können. Auch wenn eine Trennung sehr schmerzhaft ist und Angst machen kann: Es ist ein verantwortungsvoller Schritt. Oft bleibt es eine vorübergehende Maßnahme, die allen erlaubt, weiterzukommen und auf sichererem Boden neu anzufangen. Erziehungs- und Familienberatungsstellen beraten, unterstützen und begleiten Sie und Ihr Kind dabei Auch die Kinderschutzzentren bieten umfassende Hilfe in familiären Krisen (www.kinderschutz-zentren.org).

Viele suchtkranke Eltern haben Angst, sich Unterstützung zu holen, weil sie befürchten, dass ihnen ihre Kinder weggenommen werden. Wenn Sie aber merken, dass Sie gegenwärtig nicht mehr in der Lage sind, für das Wohl und die Sicherheit Ihrer Kinder zu garantieren, müssen Sie sie schützen, indem Sie sich nach außen wenden. Ein solcher Schritt zeigt, dass Sie verantwortungsbewusst sind und in Sorge um Ihr Kind handeln. Der Entzug der elterlichen Obhut ist sehr selten und wird erst dann erfolgen, wenn andere Maßnahmen nicht greifen. Meistens empfiehlt das Jugendamt Maßnahmen, die die Eltern in ihrer Rolle als Erziehende unterstützen. Es wird alles tun, um für Ihre Kinder die bestmögliche Unterstützung zu bieten, immer mit dem Blick darauf, dass sie nicht gefährdet sind.

„Als ich meine Kinder für die Zeit des Klinikaufenthalts in fremde Hände gab, hatte ich geglaubt, nach ein paar Monaten mein Problem gelöst zu haben und neu mit ihnen zusammen anfangen zu können. Nach einem Entzug wollte ich eine Therapie beginnen, was leider nicht klappte, da ich einen Rückfall hatte und somit für diese Einrichtung nicht genug stabil war. Ich fiel in ein großes Loch. Die Kinder waren zwar in guten Händen aber nicht in meinen, die Kraft und Euphorie für eine Therapie weg, keine Wohnung und kein Geld. Es ging bergab mit mir, ich wusste nicht wohin. Also ging ich dahin, wo man gratis essen konnte, wo ich Gleichgesinnte traf, die mich verstanden. Da realisierte ich, meine Kinder längere Zeit fremdunterbringen zu müssen. Ich habe versagt, so sah ich das. Die ganze Zeit die eine Frage: waren mir meine Kinder nicht genug wichtig!?"

Die Fremdunterbringung ist für das Kind sehr schwierig und jedes Kind erlebt die Trennung von den Eltern in seiner eigenen Weise. Eine mögliche Reaktion ist, dass es Sie nicht sehen will und vielleicht nicht mal mit Ihnen am Telefon sprechen will. Eine solche Reaktion kann unterschiedliche Gründe haben. Vielleicht ist es wütend auf Sie. Vielleicht will es sich vor weiteren Enttäuschungen schützen. Vielleicht ist es traurig. Auch wenn das für Sie sehr schwer zu ertragen ist, versuchen Sie Ihr Kind zu verstehen und sprechen Sie mit den Personen, die Ihr Kind betreuen, damit sich die Situation auch wieder verändern kann.

„Mein Sohn wollte mich über ein Jahr nicht sehen und meine Tochter nur zwei Mal in einem Jahr und nur mit meiner Mutter zusammen. Es war so schrecklich und ich habe sehr gelitten. Ich wollte so gern wieder an ihrem Leben teilnehmen, aber sie ließen mich nicht. Ich habe dann Briefe geschrieben, in denen ich einmal von mir und was passiert war schrieb, mich bei ihnen entschuldigte, ein andermal mein momentanes Leben aufzeichnete und wie es mir besser ging. Ich fragte nach ihnen, hielt mich an den spärlichen Informationen ihres Lebens fest und erwähnte, wie ich mich nach ihnen sehnte. Ich wollte aber immer zeigen, dass ich zwar unendlich Freude hätte von ihnen zu hören, aber sie sich die Zeit nehmen sollten, die sie brauchten. Dann fing meine Tochter an, mir zurückzuschreiben. Wenn ich einen Brief von ihr erhielt, war ich sehr gerührt. Zu Weihnachten und Geburtstagen schenkte ich Ihnen etwas. Zum Glück hatten sie die Familie, Großeltern und Tanten, die nach ihnen schauten. Ich habe fest daran geglaubt, geduldig und verständnisvoll gewartet, und jetzt ist der Kontakt seit bald einem Jahr wieder hergestellt. Anfangs behutsam und vorsichtig, aber es geht kontinuierlich bergauf. Und die Zeit mit Ihnen genieße ich so sehr wie niemals zuvor."

Mit mindestens einer erwachsenen Vertrauensperson im Kontakt zu sein, ist eines der wichtigsten Dinge für Ihr Kind. Wenn Ihr Kind weiß, dass diese Person immer da ist und sich um es sorgt, gibt ihm dies große Sicherheit. Diese Bezugsperson kann ein Familienmitglied sein, ein Lehrer oder eine Lehrerin, eine Nachbarin, ein Nachbar oder eine andere erwachsene, verlässliche Person.